Selbstverstädnis

 1.    Die Gesellschaft und Wir!

Die Welt, in der wir leben, beruht auf einem gewaltigen Widerspruch: Diejenigen, die mit ihrer Arbeit den gesellschaftlichen Reichtum produzieren, sind im Kapitalismus gerade von diesem Reichtum und von der Verfügungsgewalt über ihn ausgeschlossen. Weder die Produktionsmittel noch die hergestellten Waren gehören ihnen. Die übergroße Mehrheit der Menschen ist folglich gezwungen, zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse ihre Arbeitskraft als Ware zu verkaufen. Als Bezahlung für diese Arbeit erhalten viele Menschen gerade so wenig, wie sie zum Überleben brauchen, bzw. was sie kollektiv erkämpfen können. Sie können darüber hinaus häufig nicht frei entscheiden, was sie gerne arbeiten würden und wie diese Arbeit organisiert sein soll. Dies verhindert die freie Entfaltung ihrer Möglichkeiten (aus dem Selbstverständnis der SJ-Die Falken Bundesebene).

Damit nicht genug: In dieser Gesellschaft können wir eigentlich über nichts was wirklich wichtig ist entscheiden: ob und wie viel wir zu Schule gehen, was wir dort lernen und warum. Später können wir an unserem Arbeitsplatz nicht darüber entscheiden was wir herstellen, aus welcher Motivation und wie diese Produkte verteilt werden. Wir wollen über unser Leben und den Sinn und Zweck unserer Gesellschaft selbst entscheiden.

Uns wird in alldem beigebracht, in Konkurrenz zueinander zu stehen – in der Schule konkurrieren wir um bessere Noten, auf dem Arbeitsmarkt um Arbeitsplätze. Das erzeugt einen unheimlichen Leistungsdruck und ob es uns dabei gut geht oder nicht interessiert niemanden. Weiter noch: Wenn man dem Leistungsdruck nicht standhält und unter ihm zusammenbricht, wird dies auch noch als eigene Schuld dargestellt. Es sind aber nicht die Menschen, die falsch oder zu schwach sind, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse und ihre Gewaltförmigkeit, die das mit uns machen.

Es wird uns nicht beigebracht solidarisch miteinander umzugehen, uns gegenseitig zu helfen oder uns gemeinsam zu überlegen wie wir gegen die Zumutung des Alltags vorgehen können. Da es zwar die Menschen sind, die diese Gesellschaft machen, es aber trotzdem nicht Einzelnen anzulasten ist, wie diese Gesellschaft eingerichtet ist, müssen wir zusammen überlegen wie wir Veränderungen herbeiführen können. Als einzelne Person steht man ohne hin dem großen Ganzen eher hilflos gegenüber. Erst im Zusammenschluss mit anderen wird es möglich unsere Lebensrealität zu verändern.

2. Warum Sozialismus?

Unsere Antwort auf die Widersprüche und Widrigkeiten der kapitalistisch eingerichteten Welt heißt Sozialismus. Wir Falken wollen diese Welt verändern. Wir wollen uns und alle Menschen von Unterdrückung befreien. Deswegen organisieren wir uns gegen Kapitalismus, Rassismus, Sexismus und Antisemitismus.

Sozialismus bedeutet für uns ein selbstbestimmtes Leben in einer befreiten Gesellschaft, die frei von Zwängen und Herrschaft ist; Eine Welt, in der die Produktionsverhältnisse und das gesellschaftliche Zusammenleben sich an den Bedürfnissen der Menschen orientieren. Für uns bedeutet Sozialismus sowohl das Ziel als auch den Weg dorthin.

Wir wollen schon im Bestehenden Zusammenhänge schaffen, in denen wir anders miteinander umgehen: Wir wollen einander helfen, anstatt wegzusehen. Wir wollen solidarisch handeln, anstatt in Konkurrenz zueinander zu stehen. Denn: Die Gesellschaft, in der wir leben, ist nicht alternativlos. Sie ist von Menschen gemacht und kann auch von Menschen verändert werden!

Wir stehen für konkrete Utopien, bei denen wir im Kleinen anfangen uns solidarisch zu organisieren. Zwar gibt es kein richtiges Leben im Falschen, dennoch können wir im Umgang mit Kindern und Jugendlichen in unseren Seminarhäusern und Camps selbstbestimmte Freiräume schaffen und uns ein Stück Utopie erobern. Den Weg in die befreite Gesellschaft gehen wir miteinander, wir bilden uns, bilden andere, bilden Gruppen. Dabei geht es nicht darum, einen Masterplan für die bessere Gesellschaft zu vermitteln bzw. mit aller Gewalt durchzusetzen. Vielmehr wollen wir im Verband, in der Gruppe Konzepte sowie Ideen entwickeln und diskutieren, wie wir dem Sozialismus ein Stück näher kommen können.

3. Sozialistische Erziehung: Selbstermächtigung statt Indoktrination

Sozialistische Erziehung bei den Falken bedeutet alles andere als autoritäre Indoktrination (also jemandem eine Meinung aufzwingen) – das Zusammenspiel von Helfer*Innen und Jugendlichen ist ein wechselseitiger Prozess; nicht einseitige Wissensvermittlung, sondern gegenseitig gleichberechtigtes lernen. Starre Hierarchien sollen abgebaut werden – die kleinste Einheit der Gruppe ist das Individuum; an dessen Bedürfnissen orientieren wir uns. Auf dieser Ebene müssen demokratische Mitbestimmungsstrukturen ansetzen, um die Veränderbarkeit von Gesellschaft erfahrbar zu machen.

Das Vorwissen anderer kann als Basis für die eigene Praxis dienen, alle dürfen sich jedoch selbst ausprobieren, eigene Fehler machen und Erfahrungen sammeln. Ständige Selbst- und Fremdreflexion von Verhalten und Erfahrungen ist eine Grundlage unserer politischen Arbeit.

Ziel ist die Erziehung zur Selbständigkeit und Mündigkeit, die Befähigung zum kritischen Denken und Hinterfragen, um sich im Endeffekt selbst als Teamer*Innen überflüssig zu machen. Sozialistische Erziehung läuft also nicht darauf hinaus einen vorab festgelegten Menschentyp zu formen, sondern die Individualität des Einzelnen zu bewahren.

Wir die SJ-Gruppe Bremen beschäftigen uns fortlaufend damit, wie sozialistische Erziehung innerhalb unserer Strukturen und aus ihnen heraus wirken kann und welche Möglichkeiten diese bietet; dabei greifen wir auf das vorhandene Wissen von Genoss*Innen aus dem Verband zurück.

4. Prävention sexualisierter Gewalt

Da wir nur über einen emanzipatorischen Umgang miteinander unseren Verband erhalten und verbessern können, ist es unumgänglich uns mit der Prävention von sexualisierter Gewalt intensiv zu befassen. Auch linke Projekte und Verbände sind nicht gegen Sexismus oder gar sexuelle Übergriffe immun. Wir als SJ-Gruppe verstehen uns als feministische Jugendgruppe. Das bedeutet für uns eindeutig, dass es nicht bei einem bloßen Lippenbekenntnis bleiben darf. Wir müssen uns und andere über diese Themen aufklären und das Sprechen über sexualisierte Gewalt enttabuisieren, um so einen Raum für Reflexion und Intervention zu schaffen. Dabei ist uns die primäre Betroffenheit von Frauen und Mädchen in unserer Gesellschaft bewusst, jedoch ist in der Kinder- und Jugendarbeit der Missbrauch von Jungen und Menschen aller anderen Geschlechter genauso eine Realität.

Da wir als Falken auch mit Kindern auf unsere Zeltlager fahren ist hier ein besonderer Raum, in dem wir als Helfer*innen einen geschützten Rahmen für die Teilnehmenden ermöglichen müssen. Hierfür ist es unentbehrlich, dass wir uns noch bevor wir mit Kindern wegfahren, ein geschultes paar Augen und Ohren zulegen, mit dem wir Anzeichen von sexualisierter Gewalt richtig erkennen können und der Entstehung von potenziell gewaltförmigen Strukturen vorbeugen. Dafür existieren Konzepte zu Prävention innerhalb der Falkenstrukturen, die sich noch einmal von den staatlich durchgesetzten Konzepten unterscheiden. Ohne fundiertes Wissen zur Prävention von sexualisierter Gewalt und zu Kindeswohlgefährdung kann keine Person als Gruppen Helfer*in auf Falken-Veranstaltungen fahren.

Solange wir in einer patriarchal eingerichteten Welt leben, werden wir auf allen Ebenen entschieden für die Rechte von Kindern und von Frauen bzw. aller Geschlechter eintreten. Das Ziel muss lauten das kein Mensch sexualisierte Gewalt erfahren darf.

5. Kollektive Bildung

Bildung ist für uns nicht das Vermitteln von abstraktem Faktenwissen, sondern das Erläutern und tatsächliche Erfahren von Wissen, das wir in unseren Leben anwenden können. Gemeinsam wollen wir gesellschaftliche Werte reflektieren und hinterfragen. Texte auswendig zu lernen, um sich Anderen aufgrund von Wortschatz und Wissen überlegen zu fühlen, ist nicht der Weg, auf dem wir Wissen über die Welt erlangen wollen. Aus unserer Sicht sind es Erfahrungen, die jede*r sammelt, die uns prägen.

Im Fokus steht für uns dabei die Verbindung von theoretischem Wissen und konkreten Erfahrungen. Leistungszwang, wie er uns in Schulen, Universitäten und anderen Einrichtungen vermittelt wird, ist für uns kein Bestandteil von Bildung. Um Gesellschaft zu verändern, müssen wir erst einmal verstehen lernen wie diese funktioniert. Deswegen stehen wir für GEMEINSAME Bildung, in der sich jede*r wiederfinden kann.

Um dies zu realisieren, um kollektive Bildung zu fördern und uns zu bilden sowie gemeinsam Erfahrungen zu sammeln, treffen wir uns in Lesekreisen, organisieren Seminare, schreiben und diskutieren Texte und stürzen uns auf der Grundlage unserer erarbeiteten Kritik ins Gemenge wo wir die Chancen zu Veränderungen sehen und sie für nötig halten!

6. Selbstorganisation

Selbstorganisation ist eines der wichtigsten Prinzipien bei den Falken. Das Wahrnehmen und Umsetzen unserer Bedürfnisse können wir keinen anderen überlassen – Wir müssen das selber tun! Selbstorganisation heißt dann, dass Aktivitäten und Entscheidungen von unseren Gruppen ausgehen. Dabei verfolgen wir das Prinzip der Basisdemokratie, was konkret bedeutet ,dass wir Hierarchien zwischen den Gruppen auf der einen Seite , sowie der Hauptamtlichen und Vorständen auf der anderen Seite, keinen Raum geben. Wir betrachten uns als gemeinsamer Verband aus dem heraus Einzelpersonen auf bestimmte Zeit Vorstandsrollen übernehmen. Dabei soll der Vorstand, falls nötig, allen Aktiven bei ihren Vorhaben unterstützend zur Seite stehen. Die Vorstände fungieren im Verband als ausführendes Organ, das die Arbeitsaufträge der Mitglieder umsetzt.

Wir sehen Kinder und Jugendliche als Expert*Innen ihrer eigenen Lebensrealität. Da dieser als Basis der Falken eine zentrale Rolle zukommt, sind Falken hierarchiefrei organisiert. Kommunikation muss allen Beteiligten gegenüber transparent sein. Freundschaft ist dabei für uns nicht einfach nur eine Grußformel, sondern wird gelebt indem wir uns gegenseitig Vertrauen schenken. Das heißt zwar manchmal auch Fehler zu machen, aber genau aus diesen Fehlern lernen wir im Prozess der Fremd- und Selbstreflexion. Das Wort „Freundschaft“ bedeutet für uns auch Solidarität über inhaltliche Grabenkämpfe hinweg.

Falken bieten somit die Erfahrung, dass entgegen der jetzigen hierarchisch vorstrukturierten Welt etwas Anderes möglich ist. Wir wollen die Gesellschaft verändern! Sich mit Anderen zusammen selbst zu organisieren ist ein erster wichtiger Schritt, dieser nicht ohnmächtig gegenüber zu stehen.

Wir Falken sind solidarisch, hierarchiefrei und basisdemokratisch organisiert. Unser Ziel ist es gemeinsam für eine bessere Welt einzustehen; Dabei tragen wir interne Konflikte konstruktiv und miteinander aus.

7. Warum organisieren wir uns bei den Falken?

Die Falken unterscheiden sich in vielen Aspekten von anderen linken Organisationen und Gruppen. Einer davon ist die lange Geschichte und der damit einhergehenden Zukunftsausrichtung. Mit Räumlichkeiten, Hauptamt, Finanzierung etc. verfügen die Falken über die richtigen Rahmenbedingungen, die es ermöglichen selbsterhaltende Strukturen zu schaffen. So können die Strukturen auch dann noch erhalten bleiben, wenn eine Generation von Falken bereits nicht mehr im Verband aktiv ist.

Die Falken können als Vernetzungsinstanz tätig sein, indem zum Beispiel anderen linken (Jugend-)Gruppen Räumlichkeiten angeboten werden. Außerdem können wir als Verband mit vielen Altfalk*Innen von den Erfahrungen die diese gemacht haben profitieren. Viele frühere Generationen von Falken haben schon ähnliche Probleme durchlebt wie wir das tun. Gruppenprozesse laufen häufig ähnlich ab und organisatorische Schwierigkeiten treten oft nicht vereinzelt, sondern systematisch auf. Damit ist nicht gemeint, dass wir Erfahrungen nicht selber machen und uns einem Mantra von „So machen wir das schon immer“ unterordnen sollen. Wenn wir aber vor Herausforderungen stehen können wir nicht nur bundesweit Genoss*Innen um Rat fragen, sondern wir können auch aus der Vergangenheit anderer Falk*Innen lernen.

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